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      Seit Jahrhunderten gehört das Fenster zu den besonders beliebten Motiven der
      Kunst. Bilder vom "Zimmer mit Aussicht", in dem das Fenster die Schwelle
      zwischen Innen und Außenraum markiert, dienen dabei seit jeher auch der
      Reflexion über das Medium Malerei selbst. Die Beobachtung, dass der Blick auf
      ein Bild dem durch ein offenes Fenster gleiche, schrieb der Renaissance-Gelehr-
      te Leon Battista Alberti bereits 1435 in seiner Abhandlung über die Malerei
      nieder. Zwar blieb das Fenster auch im 20. Jahrhundert ein beliebtes Bildmotiv,
      immer häufiger aber wurde es isoliert gezeigt, ohne Bindung an eine Architektur,
      ohne Ausblick in eine Landschaft. Robert Delaunay, Henri Matisse und Josef
      Albers erprobten in ihren Fenster-Bildern eine Malerei, die nicht mehr allein dem
      Abbilden von Wirklichkeit verpflichtet ist.

      Mit dem verkleinerten Nachbau eines französischen Fensters, dessen Scheiben
      mit schwarzem Leder abgeklebt und damit undurchsichtig sind, markierte
      Marcel Duchamp 1920 so lakonisch wie eindringlich diesen Abschied: Fresh
      Widow verkündet mit seinem sprachspielerisch auf "French Window" bezogenen
      Titel programmatisch den Verlust des Ausblicks und öffnet den Weg zu Neuem.
      Das Fenster erblindet oder - wie in den Bildern von René Magritte - zerspringt
      sogar. Immer häufiger verweigert es fortan den Blick auf die Welt, um einer
      neuen Bildwirklichkeit Raum zu geben.

      Seit 1950 konzentrierten sich Künstler wie Ellsworth Kelly, Eva Hesse, Robert
      Motherwell, Gerhard Richter, Christo, Isa Genzken, Brice Marden, Günther Förg,
      Toba Khedoori, Jeff Wall, Sabine Hornig und Olafur Eliasson ausgehend vom
      Motiv des Fensters auf grundlegende Fragen und Phänomene: auf die reduzierte
      Form des Fensters und seine formale Ähnlichkeit mit dem Raster und der ge-
      rahmten Bildtafel; auf die Rahmung und damit das Lenken des Blicks; auf
      Transparenz und Spiegelung, Licht und Schatten; auf das Verschleifen von Öff-
      nung und Fläche und schließlich auf die Befreiung von jeder Materialität.

      Die 100 Gemälde, Zeichnungen, Objekte, Skulpturen, Fotografien und Projek-
      tionen in der Ausstellung "Fresh Widow. Fenster-Bilder seit Matisse und
      Duchamp" stehen stellvertretend für die verblüffende Vielfalt und Verschieden-
      artigkeit der von 1912 bis heute entstandenen "Bild"-Entwürfe. Eindrucksvoll
      dokumentieren sie, wie die Künstler die neue Freiheit zu nutzen wussten.

      Laufzeit: 31. März bis 12. August 2012

      www.kunstsammlung.de